Episode 1: Das Signal

Tomas Binder, 05.12.2021

Das 21. Jahrhundert startete als Jahrhundert der Krisen: Immobilienkrise, Finanzkrise, Währungskrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, Corona-Krise - die Liste lässt sich problemlos fortsetzen. Nicht alle Ergebnisse daraus waren schlecht. Der Umgang mit Ausbrüchen gefährlicher Viren ist weltweit professionalisiert. Mehr und mehr Möglichkeiten zur direkten demokratischen Beteiligung werden etabliert. Das Klima ist zwar nicht gerettet, aber doch irgendwie beherrschbar und das Leben, vor allem das menschliche, findet weiter seinen Weg. Jetzt, im Jahr 2054 erwartet uns eine neuartige Krise, deren Maßstab alles bisher Bekannte in den Schatten stellt.

Am 24. Januar 2054 laufen die ersten Eilmeldungen über die Ticker der Fernsehsender und Nachrichtenportal: "Signale außerirdischen Lebens in unserem Sonnensystem!" Alle fünf Weltraummächte, die USA, Europa, China, Russland und Indien, bestätigen die gleichen Messungen. Unmittelbar von der Oberfläche des Erdmondes, genauer gesagt von einem gut lokalisierten Punkt inmitten eines Kraters auf der Erd-abgewandten Seite des Mondes, geht ein offensichtlich nicht-natürliches, elektromagnetisches Signal aus. Man könnte vereinfacht sagen: wir werden angefunkt. Vom Mond. Spekulationen über einen möglicherweise irdischen Ursprung halten sich nicht lange, schließlich ist der Mond inzwischen regelmäßig besucht und so gut unter Beobachtung, dass keine Mission von der Erde ein solches Signal errichtet oder verursacht haben könnte. Das bestätigt noch am gleichen Tag die im Jahr 2031 gegründete Federal Space Agency, die alle staatlichen und privatwirtschaftlichen Flüge im Weltraum koordiniert und überwacht. Umso mehr überschlagen sich Theorien über Herkunft, Auslöser und Inhalt des Signals. Die Spekulationen reichen von feindseligen Aliens über streng religiöse und von der Erde ausgewanderte Geheimbünde. Doch am meisten diskutiert werden die Ansätze eines weltweit anerkannten Gremiums hoch-dekorierter Astrophysiker, deren Vorhersagen sich in verblüffender Übereinstimmung mit den Beobachtungen befinden. Im Zentrum der Diskussion: die Theorie des Multiversum.

Spekulationen und Beschreibungen des Multiversum sind keinesfalls neu. Die Behauptung ist so einfach wie tiefgreifend: Was, wenn das uns bekannte Universum nicht das einzige ist? Was, wenn es eine große Anzahl paralleler Universen gibt, die in ihrer Gemeinschaft das sogenannte Multiversum formen? Beweise zur Existenz des Multiversum sind ähnlich schwierig bis unmöglich wie deren Gegenbeweise. Fast so wie bei der Behauptung "Unsere ganze Welt ist nur Teil einer Computersimulation", lässt sich quasi "von innen heraus" keine geeignete Möglichkeit einer Überprüfung finden. Im Falle der Multiversum-Theorie führt der vielversprechendste Ansatz eines möglichen Beweises zu einer zentralen Frage: Wie und unter welchen Umständen ist es vorstellbar, dass zumindest zu einem der unendlich vielen Paralleluniversen eine Verbindung hergestellt werden könnte? Und genau diese Frage wurde in einer vielzitierten Veröffentlichung einer Gruppe von Astrophysiker im Jahr 2048 diskutiert. Laut diesem Artikel, der nun zum weltweit meist-gelesenem Dokument des Jahrhunderts avanciert, ist es nahezu ausgeschlossen, eine tatsächlich materielle Verbindung zweier Universen zu erschaffen. Ein Wurmloch, Teleporter oder sonstiger Transportweg für Materie von einem zum anderen Universum ist nach den Berechnungen der Experten unmöglich. Was die Veröffentlichung jedoch für wahrscheinlich hält, unter jeder Menge Voraussetzungen und Annahmen, ist die Möglichkeit einer Verbindung zweier Universen über den Austausch elektromagnetischer Signale - einer Art Funkverbindung. Die Diskussion über die Art und Weise, wie eine solche Verbindung zu etablieren sei, wurde in den vergangenen Jahren kontrovers und in der für Laien meist unverständlichen Sprache quanten- und astrophysikalischer Experten geführt.

Jetzt, im Januar 2054, eint diese Experten eine grundlegende Einschätzung: Das Signal von der Rückseite des Mondes könnte die Kontaktaufnahme der Menschheit aus einem Paralleluniversum sein und somit der Nachweis der Multiversum-Theorie. Nur der Inhalt der Botschaft bleibt aufgrund der Fehlschläge bisheriger Entschlüsselungsversuche vorerst unklar.



Episode 2: Besuch im Krater

Stefan Müller, 01.01.2022

"The Dark Side of the Moon" - die dunkle Seite des Mondes. Nichts hat die Menschen aller Kontinente und wissenschaftliche Experten aus der ganzen Welt so sehr in Aufregung versetzt wie die mysteriösen Signale, die seit Beginn des Jahres 2054 von der Rückseite des Mondes zu empfangen sind. Dabei stimmt die Bezeichnung gar nicht: Die erdabgewandte Seite des Mondes ist nicht dunkel. Sie war lediglich aus der normalen Erdbeobachtung des Mondes heraus nie zusehen, da der Mond eine solche Umlaufbahn und Rotation um die Erde verfolgt, dass er uns immer nur eine Seite zuwendet. Erst seit 1959 wurde die Rückseite des Mondes - die sich sogar als heller im Vergleich zur Vorderseite herausstellte - durch Sonden fotografiert und vermessen. Jetzt, im Februar 2054, richtet sich die geballte Aufmerksamkeit der Menschheit auf den 184 Kilometer breiten Krater Tsiolkovskiy. Genauer gesagt auf die Spitze des mehrere Tausend Meter hohen Zentralbergs, der inmitten der Kraterebene emporragt. Dieser Punkt wurde übereinstimmend von allen Raumfahrtnationen als Ursprung des bisher nicht entschlüsselten, elektro-magnetischem Signals identifiziert.

Die Federal Space Agency hat schon kurz nach der erstmaligen Entdeckung des Signals entschieden, alle Informationen, Erkenntnisse, Messdaten und deren Interpretationen nicht geheim zu halten, sondern auf einer großen, frei zugänglichen Wissensplattform zu teilen. Entsprechend haben sich in kürzester Zeit zahllose Gruppen von Kryptografie-, Kommunikations- und Linguistik-Forschern und Experten gebildet, die sich - bisher ohne Erfolg - an der Entschlüsselung versuchen. Unterstützt werden sie von den besten theoretischen und experimentellen Quanten- und Astrophysikern der Welt. Alle eint die Begeisterung und Neugier ob dieses unglaublichen Fundes - und der Wunsch nach möglichst detaillierten Informationen und Messdaten aus dem Tsiolkovskiy Krater. Die wenigen Mond-Satelliten, die in den 2030er und 2040er Jahren gestartet wurden und unseren Erdtrabanten zu Forschungszwecken umkreisen, waren nie dafür konzipiert, einen speziellen Punkt auf der Mondoberfläche so genau und vor allem dauerhaft zu beobachten. Daher hat sich innerhalb der Federal Space Agency zügig eine Taskforce gegründet, die das Ziel verfolgt, eine ursprünglich für den späteren Jahresverlauf geplante Mondmission zeitlich vorzuziehen und inhaltlich auf die Erkundung des Tsiolkovskiy Kraters auszurichten.

Am 16. Februar 2054 startet schließlich die Mission Tsiolkovskiy-One vom Weltraumbahnhof in Cape Canaveral, Florida, USA. Das grundsätzliche Vorgehen ist erprobt und funktioniert reibungslos: Eine Trägerrakete befördert ein Support-Modul mit Ausrüstung in den Erdorbit, das dort an die "Third International Space Station", genannt ThiISS, andockt. Diese modular aufgebaute Station ist dauerhaft besetzt und verfügt zudem über das wiederverwendbare Mondlandemodul "Lunar Explorer", das immer an die Station gedockt ist, wenn gerade keine Mission durchgeführt wird. Innerhalb weniger Stunden wird die Lunar Explorer an das Supportmodul gekoppelt, zwei Besatzungsmitglieder der ThiISS wechseln in diese nun verbundenen Module und starten aus dem Erdorbit zum zweiten Teil der Mission Tsiolkovskiy-One, der Rückseite des Mondes.

Die Landung im Tsiolkovskiy Krater erfolgt wie geplant am 20. Februar 2054. Die Mondlandefähre setzt am Fuße des Zentralberges auf und die Besatzung macht sich umgehend daran, die verschiedensten Sensoren und Messeinrichtungen zum Verbleib an dieser Stelle zu installieren. Die ersten Erkenntnisse sind ernüchternd. Schon beim Überflug zeigten die hochauflösenden Kameras der Lunar Explorer keine Auffälligkeiten. Nichts, das als Quelle des Signals erkennbar wäre, keine Art von kleinem Transponder, geschweige denn ein bisher unentdecktes kleines Bauwerk. Und auch die auf der Mondoberfläche installierten Messeinrichtungen ergeben an vielen Stellen unauffällige Ergebnisse. Keine seismische Aktivität, keine Auffälligkeiten bei Messungen des Gravitations- oder des Magnetfeldes. Das wichtigste der von der Erde mitgebrachte Instrument aber erfüllt seine Aufgabe: der hochsensible Empfänger elektromagnetischer Strahlung liefert Daten, die sich noch viel komplexer darstellen, als das von der Erde bisher zu vermuten war. Die Messung zeigt stark fluktuierende, mitunter pausierende sowie an- und abschwellende Ausschläge in einem sehr breiten Frequenzband.

Ab dem 21. Februar 2054 werden die Signale von der Rückseite des Mondes durchgehend und in bester Qualität erst zur ThiISS übertragen, gelangen von dort zur Erde und werden auf der freien Wissensplattform der Federal Space Agency für alle Wissenschaftler der Welt und interessierte Laien bereitgestellt. Ein natürlicher Ursprung dieser Signale ist inzwischen nahezu ausgeschlossen und als vermutete Quelle wird gemeinhin die Multiversum-Theorie anerkannt. Der Inhalt jedoch, also die eigentliche Botschaft des Signals, liegt weiter im Dunklen.



Episode 3: Sonne, Mond und Sterne

Tomas Binder, 06.02.2022

Schon seit Jahrtausenden ist der Blick der Menschheit in den Himmel gerichtet. Die Beobachtung der Sonne aber auch von Mond und Sternen war schon zentraler Bestandteil vieler Kulturen dieser Erde lange bevor sich die heute etablierten Wissenschaften Gehör verschafften. Es entstanden und verschwanden Weltbilder, die den Gestirnen mystische Eigenschaften zuschrieben, die vielfältige Gottheiten mit ihnen assoziierten und schließlich durch naturwissenschaftliches Beobachten und Studieren unsere heutige Weltanschauung über die Sonne und die sie umkreisenden Planeten ergaben. Egal in welchem Kultur- oder Glaubenskreis man sich bewegt: Die Kraft der Sonne ist für alle spürbar.

Während noch immer zahllose Expertengruppen damit beschäftigt sind, die mysteriösen Signale aus dem Tsiolkovskiy Krater von der Rückseite des Mondes zu entschlüsseln, zeigt sich jetzt Anfang März 2054 der wahre Kern der Krise, der die Menschheit gegenüber treten muss. Und während die Überlegungen zur Existenz von Multiversen und deren mögliche Kontaktaufnahme zwar hochgradig spannend und von globalem Interesse sind, stellen sich nun dramatische Entwicklungen ein, die entgegen aller Erwartungen nicht mit dem Mond zu tun haben, sondern dem Lebensspender unseres Sternensystems: der Sonne!

Kein anderer Stern wird und wurde von der Menschheit so gewissenhaft beobachtet und studiert wie die Sonne. Im Jahr 2054 befinden wir uns im inzwischen 28. Sonnenzyklus, wobei sich die zyklische Aktivität bzw. Veränderung auf die Anzahl sogenannter Sonnenflecken bezieht und mit leicht bis mäßig stark schwankender Energieintensität der Sonnenstrahlung verbunden ist. Den erwartbaren Auswirkungen von Phasen erhöhter Sonnenaktivität wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr Bedeutung beigemessen, seit es im Jahr 2036 auf dem Höhepunkt des damaligen Sonnenzyklus zu dem bisher stärksten je gemessenen Ereignis an Sonneneruption kam. Damals wurden mehrere Kommunikationssatelliten unreparierbar beschädigt, das globale GPS-Ortungssystem außer Gefecht gesetzt und die Stromnetze in Nordamerika, Mitteleuropa und China so stark getroffen, dass aus Stabilitätsgründen eine Notabschaltung der kompletten Elektrizitätsversorgung vorgenommen wurde. Seitdem wurde viel in die Forschung und Entwicklung investiert - sowohl zur präzisen Vorhersage von Sonnenaktivitäten als auch zum Schutz von Satelliten und irdischer Infrastruktur vor solchen Eruptionen. Das alles sollte im März 2054 eigentlich keine Bedeutung haben, da der neue Sonnenzyklus noch in seiner Anfangsphase steckt und die Sonnenaktivität in den Vorhersagen als eher unterdurchschnittlich eingestuft wurde.

Der erste Sonnensturm traf die Menschheit mit voller Wucht. Die Kommunikation zur ThiISS im Erdorbit wurde unterbrochen, mehrere ältere Kommunikationssatelliten fielen aus und die Stromnetze weltweit waren von solchen Fluktuationen betroffen, dass zahllose Endgeräte und Verbraucher stark schwankenden Spannungen und Frequenzen ausgesetzt waren. Diese beschädigten die Geräte unreparierbar und lösten eine solche Vielzahl an Kurzschlüssen aus, dass die daraus entstehenden Großbrände selbst in den entwickelsten Ländern die Kapazitäten der inzwischen teil-autonomen Feuerbekämpfung überforderten. Der Flugverkehr kam zum Erliegen, Transportschiffen versagte die Navigation und die globalen Datenströme des Internets waren massiv gestört.

Experten weltweit rätseln ab diesem Moment nicht mehr nur über die Funksprüche vom Mond sondern auch darüber, was zu diesen überraschenden Sonnenaktivitäten geführt hat, wie deren künftige Entwicklung aussehen könnte und natürlich ob beide Beobachtungen - die von der Sonne und die vom Mond - womöglich in einem Zusammenhang stehen könnten. Eins ist klar: sollten die Sonneneruptionen an Stärke oder Häufigkeit zunehmen, hätte dies massive Auswirkungen auf das menschliche Leben auf der Erde.



Episode 4: Die entschlüsselte Botschaft

Stefan Müller, 01.03.2022

Die Auswirkungen des starken und nicht erwarteten Sonnensturmes im März 2054 sind zwei Wochen später in fasten allen Teilen der Welt gut beherrscht. Großbrände wurden gelöscht, die Kommunikation der irdischen Datenströme sowie die Verbindung zur ThISS sind wieder hergestellt und die Elektrizitätsversorgung ist überwiegend wieder hergestellt. Unklar ist jedoch weiterhin, wie sich diese extrem starke Sonnenerruption überhaupt bilden konnte und ob bzw. wann mit einem zweiten Sturm zu rechnen ist.

Fortschritte gibt es jedoch an der ursprünglichen Stelle des weltweiten Interesses: der Botschaft aus dem Tsiolkovskiy-Krater von der Rückseite des Mondes. Auch wenn die Datenströme der dort installierten Messinstrumente durch den Sonnensturm für drei Tage unterbrochen waren, konnten die fehlenden Daten aus den Zwischenspeichern der ThISS nachgeladen werden, sobald die Kommunikation mit der Raumstation wieder hergestellt war. Außerdem konnte eine Gruppe von experimentellen und theoretischen Quantenphysikern aufbauend auf der Veröffentlichung der Multiversen-Theorie aus dem Jahr 2048 ein Konzept entwickeln, wie die ominöse Botschaft endlich entschlüsselt werden konnte. Die Idee aus dem vorgestellten Ansatz basiert auf einer Annahme, die bisher noch nicht im Fokus der Öffentlichkeit war. Was wäre, wenn es zwischen den zahllosen einzelnen Universen, die vermutlich unser Multiversum formen, keine direktionale Kommunikationsverbindung zweier einzelner Universen geben kann, sondern nur ein Austausch elektromagnetischer Strahlung der Art "alle senden und empfangen gleichzeitig"?

Diese Überlegung erscheint durchaus plausibel - schließlich konnte bisher noch niemand plausibel darlegen, wieso jedes einzelne Universum eine Art "Telefonnummer" haben sollte, mit der man es direkt anfunken könnte. Das ist eher unwahrscheinlich. Wenn jedoch der nun präsentierte Ansatz stimmen sollte und alle gleichzeitig senden, verkompliziert das die Entschlüsselung des Signals enorm. Denn: es gibt theoretisch unendlich viele Parallel-Universen, die gleichzeitig senden. Das Signal vom Mond wäre demnach eine Überlagerung bzw. Interferenz zahlloser sendender Universum und damit höllisch schwer zu entschlüsseln. Andererseits: Das dürfte allen der sendenden Stationen durchaus bewusst sein, weshalb die Botschaft vermutlich eher kurz und einfach sein sollte.

Nur um die Schwere dieser Entschlüsselungsaufgabe zu verdeutlichen: Die Überlagerung zahlloser und womöglich sogar im Detail verschiedener Botschaften lässt sich so ähnlich erklären wie das Wellenmusters eines großen Sees bei Windstille, wenn man eine große Zahl verschiedener Kieselsteine in unterschiedlichem Winkel und unterschiedlicher Geschwindigkeit ins Wasser schießen würde. Das "Lesen" einer Botschaft wäre dann etwa so kompliziert, wie das Ermitteln der Farbe eines einzigen Kieselsteins anhand der Auswertung des Wellenmusters auf dem ganzen großen See.

Erfreulicherweise gibt es in der Physik durchaus ähnliche Überlagerungen verschiedener Zustände oder Ereignisse. Die gesamte Quantenphysik basiert auf vergleichbaren Konzepten, weshalb die Mathematik zur Behandlung solcher Probleme bereits etabliert ist. Es dauerte nach der Veröffentlichung dieser Überlegungen noch anderthalb Wochen und beanspruchte einen Großteil der weltweit verfügbaren Rechenkapazität der öffentlichen und privaten Supercomputer, bis am 24. April 2054 die Botschaft letztlich entschlüsselt war und über die Ticker der Nachrichtenkanäle weltweit lief: "Eure Sonne stirbt!"



Episode 5: Viele Stimmen stimmen traurig

Tomas Binder, 04.04.2022

Die entschlüsselte Botschaft des mysteriösen Signals von der Rückseite des Mondes beherrschte die Medien für Tage und sorgte weltweit für Gesprächsstoff. Natürlich, die Botschaft passte ins Bild. Nach dem verheerenden Sonnensturm wenige Tage zuvor, der noch dazu so gar nicht in das übliche Schema der periodischen Sonnenaktivität passen wollte, stieß das "Eure Sonne stirbt!" auf fruchtbaren Boden. Und doch ergaben sich Fragen über Fragen, die überall gleich lauteten und die niemand zu beantworten vermochte: Warum stirbt die Sonne? Und noch viel wichtiger: Wann? Jeder noch so unbedeutende Astrophysiker hatte jetzt Gelegenheit auf etwas Ruhm und mediale Aufmerksamkeit. Alle Standardwerke und Lehrbücher der Astrophysik hatten unserer Sonne locker noch ein paar Millionen Jahre Lebenszeit zugeschrieben, bevor sie irgendwann in einer gigantischen Supernova alles Leben im Sonnensystem vernichten würde. Aber jetzt zur Mitte des 21. Jahrhunderts hatte die Menschheit eigentlich andere Sorgen. Eigentlich, denn die Botschaft war eindeutig. Und so machen sich die Experten, die bereits diese erste Nachricht entschlüsselten, daran, noch mehr Botschaften in dem sehr komplexen Signal zu dechiffrieren. Wie vorhergesagt, handelte es sich um die Überlagerung von unzähligen Einzelbotschaften. Unter Zuhilfenahme verschiedener Annahmen gelang es, weitere Fragmente zu entschlüsseln. Eine dieser Annahme war, dass die Botschaften womöglich in verschiedenen Sprachen gesendet werden würden - je nachdem, welche Sprache es auf der Erde im jeweiligen Paralleluniversum zur weltweit dominanten Sprache geschafft hat. Und so überraschte es die Experten wenig, dass es neben der zuerst entschlüsselten englischen Variante von "Eure Sonne stirbt!" die gleich Phrase zusätzlich auch auf Chinesisch, Russisch und Spanisch in dem vielschichten Signal versteckt gab.

Die Entschlüsselung weiterer Nachrichten innerhalb des Signals blieb jedoch vorerst nicht von Erfolg gekrönt. Trotz der Vermutung, dass die Nachrichten eher kurz, womöglich als Frage-Antwort-Kombination gesendet wurden und zudem mehrsprachig auftraten, gab es zunächst keine weiteren verwertbaren Phrasen. Einige der entschlüsselten Ausschnitte schienen technischer Natur zu sein, fast wie eine Bauanleitung. Flächenmaße, geometrische Formen und elektrotechnische Details - aber wie dies im Zusammenhang mit dem Sterben der Sonne stehen sollte, blieb unklar.

Und so blieb der Menschheit nichts anderes übrig, als in einer Mischung aus Furcht und Ungewissheit zu verharren im Angesicht der vielen "Stimmen", die alle die gleiche Botschaft übermitteln - die der sterbenden Sonne.



Episode 6: Bauanleitung für den Mond

Stefan Müller, 01.05.2022

Während die Sonne unter verstärkter Beobachtung stand, aber keine weiteren Besonderheiten preisgab, gab es nach mehreren Wochen endlich Fortschritte bei der Entschlüsselung der Botschaft von der Rückseite des Mondes. Diese Fortschritte wurden zum einen dadurch ermöglicht, dass die bereits bekannte Nachricht vom Tod der Erdensonne auf möglichst vielen Sprachen simuliert und dann aus dem ständigen Signal heraus gerechnet wurde. So blieb nur das Stimmengewirr übrig, das offenkundig einen anderen Inhalt haben musste. Zum anderen schien zu helfen, dass in dem zweiten Teil der Botschaft weniger sprach-abhängige Inhalte verborgen waren, sondern eher technisch-physikalische Details. Und ganz offenbar war eben diese Physik in allen der bereits vernetzten Parallelwelten identisch. Das verwundert nicht - schon geringfügige Änderungen an physikalischen Konstanten oder Gesetzmäßigkeiten würden das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, schlicht unmöglich machen. Wenn sich bestimmte atomare Bestandteile nicht zusammenfügen, keine Moleküle entstehen und ganz grundlegende chemische Reaktionen ablaufen, ist schlicht keine Entwicklung von primitiven einzelligen Lebewesen hin zum modernen Mensch möglich. Wie schon vor einigen Wochen vermutet, verbarg sich in dem zweiten Teil der Botschaft eine Bauanleitung - und mit etwas kreativer Antizipation ist auch offenkundig wofür:

Bisher war es der Menschheit nur möglich, Botschaften zu empfangen. Die Bauanleitung dient nun offenbar zum Aufbau eines Geräts, das es erlaubt, Nachrichten zu senden. Dabei ist die Bezeichnung "Gerät" untertrieben - das Ziel ist augenscheinlich die Errichtung einer riesigen technischen Anlage mitten im Mondkrater Tsiolkovskiy. Unter anderem sieht der Plan ein riesiges Feld an Solarpanels zur Stromgewinnung vor sowie großvolumige Stromspeicher und die Aufbauten des eigentlichen Senders.

Mit den jetzt entschlüsselten Details ergibt es für die beteiligten Wissenschaftler, Forscher und Ingenieure auch endlich Sinn, warum Sender und Empfänger gerade auf der schwer-zugänglichen Rückseite des Mondes zu platzieren sind. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass der Abstand zu jeglichen störenden Einflüssen anderer, menschengemachter elektromagnetischer Felder so groß wie möglich sein muss. Da drängt sich die Rückseite des Mondes förmlich auf. Und auch die Wahl des Tsiolkovskiy Kraters ist jetzt verständlich - seine Ebene ist größtenteils ebenerdig und groß genug für einen großen Solarpark - während der eigentliche Sender in etwas Abstand dazu inmitten des Kraterberges zu platzieren ist.

Und so machten sich nun zwei internationale und interdisziplinäre Teams an ihre Arbeit: Zum einen den Aufbau der riesigen Sender-Anlage und zum anderen die Klärung der Frage, wie genau und vor allem was für eine Botschaft oder Frage im Anschluss zu senden sei. Denn eins steht schon mit den aktuell bekannten Details der Sendeanlage fest: Mehr als ein paar kurze Nachrichten pro Monat dürfte die Anlage anfangs nicht zu senden in der Lage sein.



Episode 7: Eine Frage zur Zukunft

Tomas Binder, 06.06.2022

Auf der Rückseite des Mondes eine gigantische und Energie-hungrige Sendeanlage zu bauen und den notwendigen Solarpark und Stromspeicher gleich mit dazu - das ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Zumal die Zeit drängt: niemand kann genau sagen, ob bzw. wann es einen weiteren Sonnensturm geben würde und wie viel Zeit der Menschheit noch bleibt bis zum angekündigten Ableben der lebensspendenden Sonne. Aufgrund der hohen Dringlichkeit dieses Vorhabens und dank technischer Errungenschaften der letzten Jahrzehnte konnte der Bau der Anlage in Rekordzeit geplant und durchgeführt werden. Hilfreich waren zum einen die gigantischen Photovoltaik-Parks, die in den Wüsten rund um den Erdglobus errichtet wurden. Seit dem Beginn des Ausstiegs aus den fossilen Energieträgern ab den 2030er Jahren war klar, dass die Menschheit gigantische Energiemengen aus anderen, regenerativen Quellen benötigen würde: sowohl in Form elektrischer Energie, aber auch für gewisse industrielle Prozesse in Form von Wasserstoff oder synthetischem, grünen Gas. Um diesen Energiehunger zu stillen, wurden riesige unbewohnbare Flächen in allen Wüsten der fünf Kontinente genutzt. Da diese Regionen nicht nur unbewohnbar sind, sondern auch eine schwierige Umgebung für den Aufbau riesiger Solarparks und Stromspeicher darstellen, wurden riesige Armeen an autonom-agierende Industrierobotern geschaffen. Das Konzept dahinter war, dass sich riesige Solarparks gänzlich ohne menschliche Beteiligung erschaffen ließen. Dabei versorgen sich die Industrieroboter selbstständig mit Energie aus den ersten (kleinen) Solarfeldern, können diese auf verschiedenen sandigen und steinigen Untergründen errichten und benötigen lediglich die auf absoluten Leichtbau getrimmten Solarmodule, Wandler und Stromkabel. Das war so modular und hochautomatisiert, dass in kürzester Zeit gigantische Solarparks heranwuchsen, die Strom in riesigen Mengen und noch dazu beinahe kostenfrei bereitstellen konnten. Genau diese Roboter-basierte Solarparkentstehung sollte nun auch auf der Rückseite des Mondes in der Ebene des Tsiolkovskiy Kraters zum Einsatz kommen. Auch das zweite Problem - die Logistik - war mit entsprechender Umpriorisierung staatlicher und industrieller Kapazitäten lösbar. Besonders hilfreich waren die wiederverwendbaren Schwerlast-Transportraketen-Systeme, die eigentlich dazu gedacht waren, die ersten kommerziellen Vorhaben zum Asteroidenbergbau umzusetzen.

So entstand innerhalb kürzester Zeit die notwendige Anlage auf der Rückseite des Mondes, mit der es möglich werden würde, Botschaften an die Multiversen zu verschicken. Aufgrund des riesigen Energiebedarfs beim Senden der Botschaft und des Umstandes, dass sich die eigene Nachricht in das unglaublich umfangreiche Nachrichtengewirr aller anderen Universen einreihen würde, war klar, dass nur in längeren Abständen und nur kurze Nachrichten verschickt werden können.

Das zweite Team, das parallel zum Aufbau der Anlage über die erste Botschaft beriet, die die Menschheit verschicken würde, kam recht schnell zur Übereinstimmung, dass die Frage zur Sonne und deren angekündigten Ableben die dringendste ist. Und so lautete die erste Nachricht, die nach wenigen Wochen an alle Paralleluniversen geschickt werden konnte: "Wie stirbt unsere Sonne"?



Episode 8: Der fehlende Barcode

Stefan Müller, 02.07.2022

Die Spannung war förmlich greifbar. Wann und vor allem was für eine Antwort würde die Anlage von der Rückseite des Mondes liefern können auf die Frage nach dem Ableben der Sonne? Die Medien spekulierten für Tage und füllten zahllose Sondersendungen mit nichts anderem als heißer Luft. Denn faktisch blieb festzustellen: Eine Antwort war nicht zu entschlüsseln. Die Empfänger registrieren zwar weiterhin ein unglaubliches Gewirr an sich überlappenden Nachrichten, nichts davon jedoch ist entschlüsselbar oder liefert eine Antwort auf die so mühsam vorbereitete, ausgesandte Nachricht.

In dem Maße, wie die Aufmerksamkeit in den Medien wieder abnahm, stiegen die Bemühungen der bereits beteiligten, zahlreichen Wissenschaftler und Experten, die Ver- und Entschlüsselung von Nachrichten in der Kommunikation mit anderen Parallelwelten zu verbessern. Offensichtlich fehlt noch immer ein zentrales Detail und die bisherigen Entschlüsselungserfolge waren womöglich eher Zufallstreffer. In zahlreichen Debatten und Auseinandersetzungen darüber, wie diese Nachrichten nun tatsächlich funktionieren, kristallisierte sich mehr und mehr ein Ansatz heraus, der aus dem Gedanken entsteht, wie man ein solches Kommunikationssystem selbst aufbauen würde. Und da die unglaubliche Fülle an Parallelwelten ein wirklich großes Hindernis für zielgerichtete Kommunikation darstellt, entstand der Ansatz, dass jede Nachricht für sich identifizierbar sein müsste, wenn es schon Sender und Empfänger nicht sind. So ergab sich die plausible Vermutung, dass jede einzelne Nachricht mit einer Art Barcode versehen sein dürfte, also einem technischen Identifikationsmerkmal, das nicht Teil der eigentlichen Botschaft ist, sondern zur Identifizierung einzelner Botschaften dient. Dies ermöglicht zugleich einen effektiven Ansatz, Nachrichten zu beantworten bzw. die Antworten auf frühere Botschaften zu erkennen.

Und tatsächlich: Ausgehend davon, dass jede Nachricht vor ihrem Text-Anteil mit einer Art technischem Schlüssel versehen ist, konnten genau solche Abschnitte in dem scheinbar chaotischen Nachrichtengewirr erkannt und zugeordnet werden. Während die Limitierungen in Sachen Länge und Komplexität möglicher Botschaften noch erhalten blieb, war ab diesem Zeitpunkt die Möglichkeit gegeben, zielgerichtet "fragen" zu können und - viel wichtiger - auch mögliche Antworten viel besser erkennen und entschlüssel zu können.

Mit diesem Wissen wurde die exakt gleiche Frage erneut an die erreichbaren Parallelwelten kommuniziert: "Wie stirbt unsere Sonne?". Und diesmal dauerte es keine 24 Stunden, bis eine Antwort erkannt und dekodiert wurde.



Episode 9: Sonne, Mond und Wurmloch

Tomas Binder, 01.08.2022

Seitdem die Antwort über die Empfangsstation auf der Rückseite des Mondes dekodiert und veröffentlicht wurde, gab es kein Online-Medium, kein Fernsehkanal und keine Radiosendung, die keinen Countdown als Dauerelement in ihre Veröffentlichungen einbauten. Die Antwort war einfach, kurz und leicht zu verstehen: Ein konkreter Zeitpunkt (knapp drei Tage in der Zukunft ab Entschlüsselung der Nachricht) und ein ebenso konkreter Ort, bzw. Punkt im Weltraum. Ohne eine Vorstellung davon zu haben, was zu dieser Zeit an diesem Ort passieren würde, war doch klar, dass sich eine zentrale neue Beobachtung anbahnte, die mit dem angekündigten Ableben der Sonne zu tun haben würde.

Die übermittelten Koordinaten würden zur angekündigten Zeit recht nah an der Sonnenoberfläche liegen und noch dazu auf der aus Erdbeobachtung abgewandten Seite. So wurde mit kürzester Vorbereitungszeit eine unbenannte Raumsonde von der internationalen Weltraumstation gestartet, die eigentlich zur Asteroidenbeobachtung und -abwehr eingesetzt wird. Ihre hoch-empfindlichen Sensoren und Kameras wurden exakt so ausgerichtet, dass der benannte Punkt bestmöglich überwacht werden konnte und das Signal in beinahe Echtzeit über die Station auf die Erde gelangen konnte.

Und dann blieb gefühlt die ganze Welt stehen, während die Countdowns langsam herunter zählten. Egal in welcher Zeitzone, bei welcher Tätigkeit, ob arm oder reich: Mehrere Milliarden Menschen starrten gebannt auf die Übertragungen der kleinen Raumsonde. Und tatsächlich: Exakt zur vorhergesagten Zeit schlugen die empfindlichen Sensoren an, zeigten Verzerrungen des Gravitationsfeldes, die so noch nie beobachtet wurden und dann - für einen kurzen Augenblick - ein offensichtlich nicht-menschengebautes Flugobjekt, das an diesem Punkt erschien, sich mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Sonne bewegte und in die Sonne eintauchte und damit aus der Beobachtung verschwand.

Es brauchte nun nicht viel, um das Eins und Eins zusammenzuzählen: Ganz offenbar wurde die Menschheit das erste Mal Zeuge von einem kleinem, künstlichen Wurmloch sowie von einer Art Sonde, die definitiv nicht von der Erde stammen konnte. In Anbetracht der Frage, die zuvor an die Multiversen gestellt wurde - nämlich dem Ableben der eigenen Sonne - war auch recht klar, was nun unmittelbar folgen würde und schon anderthalb Stunden später mit den üblichen Sonnenbeachtungsinstrumente erkennbar war: Diese Sonde löste eine Veränderung der Sonnenaktivität aus, die in einem gigantischen Sonnensturm münden würde. Und dieser Sonnensturm braucht gerade einmal 24 Stunden, bevor er die erdnahen Orbits mit ihren zahllosen Satelliten und letztlich die Erdoberfläche erreichen würde. Da es absolut keinen Ansatz für Gegenmaßnahmen gab, schallten ab diesem Moment aus jedem Lautsprecher die Warnsignale, die eine weltweite Katastrophe ankündigten: einen Sonnensturm nie dagewesenen Ausmaßes.



Episode 10: Fünf nach Zwölf

Stefan Müller, 02.09.2022

Der letzte, außerplanmäßige Sonnensturm vor wenigen Monaten war ein gemütlicher Kindergeburtstag im Vergleich zum jüngsten Ereignis. Die internationale Raumstation trieb ohne Navigation und Kommunikation stark beschädigt im Orbit und verlor langsam an Höhe. Fast alle Satelliten der Staatengemeinschaft sind in der Atmosphäre verglüht, stark beschädigt oder nicht mehr erreichbar. Auf der Erde sind großflächig alle Strom- und Kommunikationsnetze zusammengebrochen und elektrische Geräte irreparabel geschädigt - vom Toaster bis zum Smartphone hat der gigantische Sonnensturm eine gigantische Menge Elektroschrott produziert. Atomkraftwerke sind im Notbetrieb, der Flugverkehr komplett eingestellt und das öffentliche Leben stillgelegt.

Trotz dieser gigantischen Katastrophe passieren zwei erstaunliche Dinge: Zum einen bleiben große Unruhen, Aufstände und Plünderungen weitgehend aus und auf allen Kontinenten besinnen sich die Menschen auf ein friedvolles und wohlwollendes Miteinander. Alle rücken zusammen. Gleichzeitig arbeiten die wenigen arbeitsfähigen Ingenieure und Forscher fieberhaft daran, den Kontakt zur Raumstation und der Kommunikationsanlage auf dem Mond wiederherzustellen. Allen ist klar: Dies muss die zweite, künstlich hervorgerufene Sonnenaktivität gewesen sein. Und ob der Planet Erde in seiner sonst menschenfreundlichen Form eine dritte Eruption überstehen würde, ist unklar. Deshalb arbeiten alle mit Hochdruck daran, die Kommunikation mit dem Multiversum wieder in Gang zu bekommen und die entscheidende Frage zu stellen: "Was tun?"

Zwei Wochen später gibt es erste Hoffnungsschimmer. In den am besten vor elektromagnetischer Strahlung geschützten Einrichtungen und Bunkern hat genug Technik überlebt, um ein rudimentäres Regierungs-Internet und damit wichtige Kommunikationswege wieder zum Laufen zu bekommen. Die Crew der internationalen Raumstation konnte die Lecks abdichten und ersten Kontakt zur Bodenstation und auch zur Mondstation wieder aufnehmen. Und wenig später ging die nächste Nachricht an alle verbundenen Multiversen verbunden mit der Frage aller Fragen, nämlich dazu, wie eine weitere und noch tödlichere Sonnen-Sonde aus einem fremdartigen Wurmloch verhindert werden kann.

Die Antwort ließ zum Glück nicht lange auf sich warten - und barg doch eine Herausforderung. Wieder wurde ein konkreter Zeitpunkt ca. vier Wochen in der Zukunft benannt und erneut ein sehr präziser Ort unweit der Sonnenoberfläche. Und die Aufforderung, dort eine kleine Kommunikationssonde bereitzuhalten für einen schier abenteuerlichen Plan.



Episode 11: Transversales Hallo

Tomas Binder, 04.10.2022

Vier Wochen Zeit um eine Kommunikationssonde nicht nur funktionsfähig sondern auch in die Nähe der Sonnenoberfläche zu bekommen. Das ist schon unter Normalumständen keine einfache Aufgabe. Mit den Auswirkungen des letzten Sonnensturms jedoch stellen sich da gleich mehrere Herausforderungen. Bis auf wenige Regierungsstellen ist die Kommunikation noch immer großflächig ausgefallen. Selbst die Stromnetze werden erst nach und nach wieder hochgefahren. Vor allem aber: Wie soll in dieser kurzen Zeit eine Sonde hergestellt und in das Weltall geschossen werden? Und noch wichtiger: Was genau soll sie eigentlich kommunizieren? Und mit wem?

So herrschte in den folgende Tagen und Wochen eine Mischung aus Panik und Kopfzerbrechen bei allen beteiligten Personen. Und erst nach und nach gab es vorsichtige Lichtblicke für die einzelnen zu lösenden Aufgaben. Eine geeignete Sonde wurde gefunden, in dem weltweit die Archivbestände von regierungsnahen Weltrauminstitutionen durchforstet wurden. Dabei wurde die Kopie einer alten Langstrecken-Erkundungs-Sonde der europäischen Weltraumbehörde wiederentdeckt, die schon vor 25 Jahren auf die Reise geschickt wurde. Diese Kopie wurde aus Sicherheitsgründen als absolut identische und damit funktionstüchtige Kopie hergestellt für den Fall, dass das Original beim Start beschädigt werden würde. Und zum großen Glück lagerte dieses Ersatzexemplar so gut geschützt, dass es den Sonnensturm intakt überstanden konnte. Die Sonde wurde nun in großer Eile modifiziert, getestet und für die Mission vorbereitet.

Die Frage der Beförderung der Sonde in die Erdumlaufbahn war die heikelste und schwierigste, trugen doch nahezu alle Shuttles, Raketen und sonstige weltraumtauglichen Vehikel so große Schäden vom letzten Sonnensturm davon, dass sie absolut unbrauchbar waren. Erst eine Woche vor dem geplanten Rendezvous in der Nähe der Sonnenoberfläche - genau zu dem Zeitpunkt, als mehr und mehr Basis-Kommunikationsnetze auch für Nicht-Regierungsstellen zugänglich gemacht wurden - fand sich ein geeignetes Shuttle. Ein kleines, privates Weltraumunternehmen, das sich auf die Gewinnung von selten mineralischen Erzen aus Asteroiden spezialisiert hat, konnte ein funktionstüchtiges, Orbit-fähiges Shuttle bereitstellen, das sich zum Zeitpunkt des Sonnensturmes in einem unterirdischen Bunker zur Wartung befand und daher ohne Schäden davongekommen war.

So konnte in den wenigen verbleibenden Tagen die Notfallmission zur Sonne improvisiert zusammengestellt werden: Die Sonde wurde vorbereitet und zum Shuttle verbracht, das eigentlich für eine zwei- bis vier-köpfige Besatzung ausgelegt war. Es würde aber jetzt komplett ohne Besatzung und somit voll-automatisiert in die Erdumlaufbahn starten, dort an die stark beschädigte internationale Raumstation andocken, um die dortige Crew an Board zu nehmen und die letzten Reste des verfügbaren Stabilisierungstreibstoffs zum Shuttle zu transferieren. Das bedeutete zwar das Todesurteil für die Raumstation, weil sie ohne Stabilisierungsmaßnahmen innerhalb von etwa zwei Wochen an Höhe verlieren und dann abstürzen würde. Aber mit diesem Tankstopp ist es dem Shuttle möglich, die Sonde in der Nähe des Zielpunktes auszusetzen und anschließend die Crew zurück zur Erde zu fliegen.

Trotz der knappen Vorlaufzeit hat dieser Plan genau so funktioniert wie erhofft. Am Tag X befindet sich die funktionsfähige Sonde am beschriebenen Ort. Zur echten Kommunikation ist sie zwar nicht in der Lage, aber zumindest kann sie das Standardprogramm jeder Langstreckensonden abspielen: einen Art Fußabdruck der Menschheit. Und auch der letzte Teil der Anweisung der Multiversen-Gemeinschaft funktioniert: Das Wurmloch öffnet sich exakt zur angekündigten Zeit, die Kommunikationssonde wird direkt dort hineingesteuert und verschwindet aus dem Zugriff der Steuerzentren auf der Erdoberfläche. Einziges Ziel: Das Senden eines Universum-übergreifenden, gewissermaßen "transversalen Hallo".



Episode 12: Ende und Anfang

Stefan Müller, 05.11.2022

Etwa ein Jahr ist es nun her, dass die ersten mysteriösen Signale von der Rückseite des Mondes entdeckt wurden. Ein Jahr so turbulent wie kaum ein anderes in der Menschheitsgeschichte. Spektakuläre Mond- und Weltraummissionen, mehrere zerstörerische Sonnenstürme, die Entdeckung zahlloser Parallel-Universen und die ersten Kommunikationsversuche mit all den anderen Zivilisationen in diesem Multiversum.

Und doch: Als die Kommunikationssonde im Wurmloch verschwand und sich selbiges kurz darauf von selbst wieder schloss, ohne einen weiteren Sonnensturm zur Folge zu haben, war etwas Unglaubliches geschafft: Die erste Kontaktaufnahme mit einer außerirdischen Zivilisation. Denn faktisch war die vorherige Kommunikation über die Multiversen hinweg zwar absolutes Novum, aber die Sender und Empfänger der Nachrichten waren ja stets menschliche Zivilisationen mit einem eigenen, blauen Planeten, der sich mal mehr und mal weniger von der eigenen Erde unterscheiden dürfte. Das, was hinter dem Wurmloch die Botschaft der Kommunikationssonde empfing, war hingegen mit großer Sicherheit eine Zivilisation nicht-irdischen Ursprungs. Sei es aus einer Parallelwelt, aus einer anderen Zeit oder Dimension. Richtig verstanden waren diese Wurmlöcher nicht. Geschweige denn bestand die Möglichkeit, selbst welche zu erzeugen.

Erst häppchenweise und durch den zielgerichteten Austausch mit irdischen Parallelwelten kam nach und nach etwas Licht ins Dunkel der Geschehnisse des letzten Jahres. Ohne genau sagen zu können, woher genau das Wissen stammte, erfuhr die Menschheit immerhin so viel: Die für die Wurmlöcher und Sonnenstürme verantwortlichen Wesen werden gemeinhin als Medianer bezeichnet und kolonisieren fremde, unbewohnte Sternensysteme, in dem sie die dortigen Zentralgestirne mittels fortschrittlichster Technologie derart transformieren, dass die nahen Planeten für die Medianer bewohnbar werden. Zum großen Glück der Menschheit haben sie dabei strikte Regeln, keinen Kontakt zu anderen Zivilisationen aufzunehmen und diese nicht negativ zu beeinflussen, sobald sie von deren Existenz erfahren.

Und so genügte eine einzige, improvisierte und unscheinbare Kommunikationssonde, um die fremden Wesen auf die Existenz der Menschheit hinzuweisen und damit die Transformation des Sonnensystems zu verhindern, die den Medianern zwar eine Kolonie beschert hätte, der Menschheit aber sehr sicher ihren Untergang.




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